aus: Vierteljahrsschr. d. Astronom. Gesellschaft.
35. (1900)
Nekrolog.
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Carl,Theodor Robert Luther
giebt in einer geschichtlichen Abhandlung über die Düsseldorfer Sternwarte,
welche er auf Veranlassung der städtischen Verwaltung gelegentlich der Naturforscherversammlung
in Düsseldorf i. J. 1898 verfasste, eine Selbstbiographie, welche ich zunächst
im Wortlaute wiedergebe, da diese Abhandlung nur in wenigen Exemplaren vorhanden,
daher auch nicht allen Astronomen zugänglich ist. Er berichtet daselbst:
"Als Brünnow im November 1851 (zur Uebernahme der Stelle eines ersten Observators
au der Königlichen Sternwarte) in Berlin eintraf, überbrachte er gleichzeitig
dem von mehreren Seiten empfohlenen zweiten Berliner Observator Carl Theodor
Robert Luther seine Ernennung zum Astronomen der von Benzenberg gestifteten
und seitdem bereits verbesserten städtischen Sternwarte "Charlottenruhe" in
Bilk-Düsseldorf, welcher derselbe im December 1851 folgte. Sein Vater F.
H. A. August Luther, dessen einzig lebender Sohn er war, war am 2. November
1790 zu Schönebeck geboren, hatte nach absolvirtem juristischem Examen beim
Königlichen Gericht in Berlin 1813 gearbeitet, dann im 3. ostpreussischen
Infanterie-Regiment, nachher im 2. westfälischen Landwehr-Regiment den Krieg
1813-15 mitgemacht, das eiserne Kreuz und den Offiziersrang erworben und im
Juni 1815 beim Angriff auf Saint-Amand den rechten Arm verloren. Am 22. Februar
1816 als Hauptmann ehrenvoll entlassen, bekam er vom i. Januar 1817 an eine
Civilversorgung in Schweidnitz, verheirathete sich im October 1818 mit A.
M. Wilhelmine von Ende aus Essen, die er während des Krieges in Werden kennen
gelernt hatte, und verwaltete trotz seiner schweren Verwundung sein anstrengendes
Amt 6 Jahre lang, indem er mit dem linken Arm schrieb, rechnete und Sonstiges
besorgte, bis er wegen schwerer Erkrankung am 13. August 1823 mit 500 Thalern
Jahresgehalt pensionirt wurde, und
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starb nach schweren langen Leiden am 10. März 1844 zu Schweidnitz.
Während dieses 21 jährigen schweren Leidens sorgte seine opfermuthige
Frau, welche am 12. Juli 1853 zu Bilk starb, zuerst fast allein für die Erziehung
des am 16. April 1822 zu Schweidnitz geborenen Sohnes Carl Theodor Robert
Luther, für welchen später viele Jahre lang auch ihr am 5. November 1876 gestorbener
Schwager, der Geheime Justizrath Wilhelm Luther, wahrhaft väterlich gesorgt
hat.
Robert Luther besuchte nach vorausgegangenem Privatunterricht das Gymnasium
zu Schweidnitz von 1831 -1841, dann nach bestandenem Abiturientenexamen die
nahe Universität Breslau, wo er u. a. die Vorlesungen von Scholz, von Boguslawski,
Koch und Kummer hörte, und im Herbst 1843 die Universität Berlin. Obgleich
am 10. März 1844 sein Vater gestorben war, studirte er doch weiter in Berlin,
ähnlich wie Brünnow unter Encke, Dove und den berühmten Mathematikern, betheiligte
sich an den Vorausberechnungen für die Berliner astronomischen Jahrbücher
für 1849 etc., berechnete aufs neue mit zehnstelligen Logarithmen Bar-ker's
Tafel für die parabolische wahre und mittlere Bewegung der Kometen, deren
6480 Werthe auf Seite 87 bis 146 der neuen Encke'schen Ausgabe von Olbers'
Methode, eine Kometenbahn zu berechnen, Weimar 1847, abgedruckt sind, durfte
seit 1847 an den Berliner Beobachtungen theilnehmen, hatte nach Ablehnung
einer Leipziger Anstellung seit 1848 Encke's Meridiankreis-Beobachtungen zu
reduciren und seit 1850 als zweiter Beobachter die bis dahin von Galle angestellten
Beobachtungen am beleuchteten Fadenmikrometer des l3'/2 füssigen Refractors
von 9 Zoll Oeffnung fortzusetzen und zu reduciren. Nachdem er, einem idealen
wissenschaftlichen Drange folgend, es im December 1851 gewagt hatte, an Brünnow's
Stelle nach Düsseldorf zu gehen, stand ihm hier bis 1877 nur ein sechsfüssiger
Refractor mit Kreismikrometer zur Verfügung. Auf Argelander's und Hülsmann's
Rath übte er sich bald auf Kreismikrometer-Beobachtungen ein, machte besonders
Ortsbestimmungen von Planeten, welche für die Bahnberechnungen und Bahnverbesserungen
der Planeten gebraucht werden, und kam dadurch in regen Verkehr mit der Bonner,
Berliner, Hamburger, Wiener und anderen Sternwarten, auch des Auslands.
Da die kleineren Planeten sich nur durch ihre Bewegung von den Fixsternen
unterscheiden lassen, kam es zunächst darauf an, die Himmelskarten möglichst
zu vervollständigen, zu verbessern und oft mit dem Himmel zu vergleichen.
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Nachdem sogar Gebildete es bezweifelt hatten, ob die kleine Düsseldorfer
Sternwarte neben den grossen Staatssternwarten der Wissenschaft einigen Nutzen
bringen werde, lieferte er durch die Meldung seiner ersten Planeten-Entdeckung
vom 17. April 1852, des 17. der kleinen Planeten "Thetis", welchen Namen Argelander
auswählte, den that-sächlichen Beweis, welcher auch Herrn Oberbürgermeister
Hammers, dem Curatoriura und dem Gemeinderath so willkommen war, dass die
Düsseldorfer Herren es sich nicht nehmen Hessen, die erste Düsseldorfer Planeten-Entdeckung,
der später noch weitere folgten, durch ein Festessen im Rittersaale der städtischen
Tonhalle zu feiern, dem auch Argelander beiwohnte und bei dieser Gelegenheit
u. a. dem Andenken Benzenberg's anerkennende Worte widmete.
R. Luther wurde dadurch ermuthigt, in bisheriger Weise hier weiter zu
arbeiten, eine ihm angebotene Stellung in Olmütz dankend abzulehnen und auch
die sich ihm 1854 darbietende Gelegenheit, bei Brünnow's Abgang von Berlin
nach Ann-Arbor in dessen Berliner Stellung des ersten Observators einzurücken,
unbenutzt vorüber gehen zu lassen.
Auf Veranlassung von Arago, Elie de Beaumont und Leverrier erhielt er
für verschiedene Planeten-Entdeckungen in den Jahren 1852 - 1861 siebenmal
den Lalande'schen astronomischen Preis; die Priorität, welche ihm für 3 Planeten-Entdeckungen
entgangen war, blieb ihm für 24, nämlich für 20 am Sechsfüsser und 4 am Siebenfüsser
gelungene Planeten-Entdeckungen.
Am 10. November 1854 erwählte ihn die Royal Astrono-micai Society in
London zu ihrem Associate. Am 24. April 1855, nach der vierten Entdeckung,
erhöhte der Düsseldorfer Gemeinderath sein Gehalt, welches für Brünnow und
ihn 8 Jahre lang nur 200 Thaler jährlich betragen und nicht ausgereicht hatte,
und nach seiner Verheirathung nochmals vom Jahre 1860 an. Vom l. Mai 1861
an bewilligte auch der Staat einen gleichen Zuschuss wie die Stadt, der nach
je 5 Jahren prolongirt oder erhöht wurde. Am 9. Mai 1855 wurde er von der
philosophischen Facultät der K. Friedrich-WTilhelms-Universität in Bonn auf
Grund seiner Berechnungen und Entdeckungen zum Dr. philo-sophiae honoris causa
promovirt. Alexander von Humboldt sprach sich 1855 recht anerkennend über
die Düsseldorfer Sternwarte aus. Im December 1855 verlieh Se. Majestät König
Friedrich Wilhelm IV. dem Dr. Robert Luther den Rothen Adlerorden IV., im
Frühjahr 1863 Se. Majestät König Wilhelm I. den Rothen Adlerorden III. Klasse
mit
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der Schleife. In den Jahren 1854-1857 bearbeitete R. Luther für die Berliner
K. Akademie der Wissenschaften die 4302 Sterne enthaltende akademische Sternkarte
0 Uhr nebst Katalog, welche Arbeit Encke und Dove im Namen der Commission
für die akademischen Sternkarten in einem Schreiben vom 26. Juli 1858 lobend
anerkannten.
Nach den Düsseldorfer Berechnungen fand H. Goldschmidt seinen Planeten
vom 9. September 1857, der einige Zeit Pseudo-Daphne hiess, am 27. August
1861 wieder auf; seitdem heisst er 56 Melete. Am 12. Januar 1863 kam Encke's
Berliner astronomisches Jahrbuch für 1865 an, worin auf Seite 493 und 494
lobend anerkannt ist, dass Dr. R. Luther die seit 4 und 6 Jahren auf keiner
Sternwarte beobachteten Planeten 53 Kalypso und 41 Daphne 1862 wieder aufgefunden
und beobachtet habe. Am 7. April 1859 verheirathete sich Dr. R. Luther mit
Fräulein Caroline Mäfcker, der zweiten Tochter des Königl. Kanzleiraths Alexander
Märcker in Solingen, die, am 12. Januar 1823 zu Essen geboren, ihm seit 1842
bekannt war und nun seit 1859 treulich zur Seite steht.
1863 wurde er Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische
Cultur zu Breslau, sowie der 1863 zu Heidelberg gegründeten Astronomischen
Gesellschaft, 1864 der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde
in Bonn, 1868 der Societe Imperiale des Sciences naturelles de Cherbourg und
am 13. März 1882 Mitglied der ehrwürdigen Kaiserlichen Leopoldino-Karolinischen
deutschen Akademie der Naturforscher in Halle, deren Wahlspruch ist: "Nunquam
otiosus".
R. Luther hat während seiner hiesigen Amtsführung bis jetzt nur 4 mal
Urlaub genommen. Arn 4. März 1886 wurde ihm durch Se. Majestät Kaiser und
König Wilhelm I. das Prädicat "Professor" und am 26. Juli 1897 durch Patent
Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. der Titel "Geheimer Regierungsrath"
Allergnädigst verliehen.
R. Luther's Berechnungen für die Berliner astronomischen Jahrbücher
1849 und folgende bezogen sich zuerst auf ältere Planeten, den Mond und die
Fundamentalsterne nach den Tafeln, später aber hauptsächlich auf die Berechnung
und Verfeinerung der Bahnen, Störungen und Ephemeriden der 5 Planeten
6 Hebe von 1847-1899
11 Parthenope von 1850 - 1899
56 Melete von 1857 - 1899,
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61 Danae von 1861-1899, dem er auf Goldschmidt's
Wunsch den Namen gegeben hatte,
288 Glauke von 1890-1899, des letzten und licht-
schwächsten der 24 Düsseldorfer Planeten.
Seine anderen Berechnungen, Beobachtungen und Entdeckungen stehen im
21. und folgenden Bänden der Astronomischen Nachrichten."
Soweit die Selbstbiographie. Es geht aus derselben hervor, dass Luther
sich die Sorge um die kleinen Planeten zur ganz speciellen Aufgabe gemacht
hatte; er ist dieser Aufgabe bis an das Ende seines Lebens treu geblieben*).
Die folgenden 24 Planeten sind diejenigen, für welche ihm die Priorität der
Entdeckung verblieb:
Nr Planet entdeckt
17 Thetis 1852 April 17.
26 Proserpina 1853 Mai 5.
28 Bellona 1854 März 1.
35 Leukothea 1855 April 19.
37 Eides 1855 Oct. 5.
47 Aglaja 1857 Sept. 15.
53 Kalypso I858 April 4.
57 Mnemosyne 1859 Sept. 22.
58 Concordia 1860 März 24.
68 Leto 1861 April 29.
71 Niobe 1861 Aug. 13.
78 Diana 1863 März 15.
82 Alkmene 1864 Nov. 27.
84 Klio 1865 Aug. 25.
90 Antiope 1866 Oct. 1.
95 Arethusa 1867 Nov. 23.
108 Hecuba 1869 April 2.
113 Amalthea 1871 März 12.
118 Peitho 1872 März 15.
134 Sophrosyne 1873 Sept. 27.
241 Germania 1884 Sept. 12.
247 Eukrate 1885 März 14.
258 Tyche 1886 Mai 4.
288 Glauke 1890 Febr. 20.
*) Seine letzten Rechnungsresultate, Elemente und Ephemeriden für das Jahr
1901 werden im Berliner Jahrbuch für 1903 veröffentlicht werden.
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Im Mai 1892 ging der schon seit Mitte der 80 er Jahre gehegte Wunsch,
seinen Sohn Wilhelm als Adjuncten um sich zu haben, in Erfüllung. Dieser hatte
nach absolvirtem Abi-turientenexamen im Jahre 1879 mit Erfolg Astronomie an
den Sternwarten Bonn. Berlin und Leipzig studirt und sich, gleich seinem Vater,
specieller mit Berechnungen und Beobachtungen kleiner Planeten beschäftigt.
Am 12. Juni 1883 bestand er in Leipzig das Doctorexamen, arbeitete hierauf
zunächst freiwillig an der Düsseldorfer Sternwarte, versah alsdann den Dienst
als angestellter Astronom der Reihe nach an den Sternwarten in Bonn und Hamburg
und übernahm schliess-lich 1892 die Adjunctenstelle in Düsseldorf bei seinem
Vater. Dieser übertrug seitdem seinem Sohn die Refractorbeobach-tungen und
concentrirte seine Thätigkeit neben den regel-mässigen Zeitbestimmungen auf
die Berechnung der Bahnen der kleinen Planeten. Der Grund zur Einschränkung
der beobachtenden Thätigkeit war zufolge einer brieflichen Mittheilung seines
Sohnes nicht Augenschwäche, wie irrthümlich in dem Nekrolog der Astronomischen
Nachrichten Bd. 152 Seite 31 angegeben ist - er trug nie eine Brille und hat
noch am 8. Februar 1900 den Zeitstern " Arietis am Passageninstrument beobachtet
-, sondern das Nachlassen seines Gehörs, sodass das Horchen auf das Ticken
der Uhr seine Nerven übermässig anstrengte. Dann aber strengte das nächtliche
Beobachten seine Nerven überhaupt sehr an, und das Leiternklettern in der
engen Kuppel war für seinen Körper und speciell für seinen FUSS zu anstrengend,
da er etwa 30 Jahre vor seinem Tode durch einen Holzsplitter sich eine Verletzung
seiner Nagelwurzel zugezogen hatte. Infolge dessen hat er seitdem fast jedes
Jahr etwa eine Woche lang, wenn der Nagel sich wieder ablöste, das Zimmer
hüten müssen. Seine Frau kann sich aber nicht besinnen, dass er während der
ganzen Zeit seit der Verheirathung gezwungen gewesen wäre, einen ganzen Tag
zu Bette zu liegen. Er war noch im Januar 1900 so rüstig, dass die Seinen
nicht im entferntesten an sein nahes Ende gedacht hätten. Seit dem 23. Januar
war er wegen seines Fusses nicht ausgegangen. Der Mangel der frischen Luft
und Bewegung mag ihm geschadet haben. Am n. Februar 1900 wurde er unwohl.
Die nächsten Tage war er merklich kraftloser als sonst, seine Hand zitterte
stark. Es war ein Schwächezustand eingetreten, der ihn aber nicht an das
Bett fesselte. Er hat noch am 14. Februar an eine Verwandte und an Professor
Neugebauer geschrieben, sagte Abends, man müsse den Muth nicht verlieren
und er glaube, eine leise Besserung zu verspüren. Seine Bewegungen schienen
auch wieder etwas kraftvoller, aber am nächsten
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Morgen rührte ihn beim Ankleiden der Schlag, und der herbeigerufene Arzt
constatirte den Tod.
Luther gehörte zu denjenigen Naturen, die ein stilles, rastlos thätiges
Leben im engsten Kreise dem Vortreten an die grosse Oeffentlichkeit vorziehen.
Charakteristisch ist Manches, was in dieser Beziehung sein Zeitgenosse an
der Königlichen Sternwarte zu Berlin, der damalige erste Observator, nachmalige
Director der Breslauer Sternwarte und jetzt im hohen Alter in Potsdam lebende
Geheimrath Galle brieflich mittheilt; er schreibt:
"Luther's freundlich-bescheidenes Wesen und sein Interesse für die vorkommenden
astronomischen Arbeiten und Ereignisse war mir stets ansprechend. Von den
88 Briefen, welche ich von demselben in den 52 Jahren 1848 bis 1899 erhalten
habe, sind es nur wenige, die in das erste Jahrzehnt dieses Zeitraumes fallen;
später wurde die Correspondenz häufiger, als einige meiner Assistenten, wie
Dr. Günther und Dr. Neugebauer begonnen hatten, an den Arbeiten für die kleinen
Planeten theilzunehmen, die ja bekanntlich Luther's astronomische Interessen
so ausschliess-lich in Anspruch nahmen, und auf welchem Gebiete er sich ja
durch seine Entdeckungen, Beobachtungen und Rechnungen eine so hervorragende
Stelle bei der Förderung der Astronomie in der zweiten Hälfte des verflossenen
Jahrhunderts erworben hat.
Persönlich habe ich Luther nach dem gemeinschaftlichen Aufenthalte in
Berlin von 1843-51, wo er dann nach Düsseldorf und ich nach Breslau kam, nur
noch zweimal wiedergesehen. Es war dies einmal im Jahre 1856, in welchem er
noch einmal nach seiner schlesischen Hei-, math kam und mich in Breslau mit
besuchte, sodann n Jahre später, 1867 in Düsseldorf, wo ich auf einer grösseren
Reise nach verschiedenen Sternwarten begriffen, an der damals in Bonn tagenden
Astronomenversammlung mit theilnahm. Sonst hat Luther in der ganzen Zeit
seiner Düsseldorfer Wirksamkeit nur sehr wenige Reisen unternommen. Jeder
grössere gesellige Verkehr war seiner Natur wenig zusagend. So schreibt er
noch unter dem 13. Dece.mber 1876 (wo er 25 Jahre in Düsseldorf war) in einem
an mich gerichteten Briefe]:
""Da ich auch nicht im entferntesten geräuschvolle Festlichkeiten liebe,
wie sie mir nach der Entdeckung der Thetis hier dargebracht wurden, so habe
ich über mein 25 jähriges Hiersein ein ganz strenges Stillschweigen beobachtet
und eine früher darauf bezügliche Anfrage aus-
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weichend beantwortet. Ein freundlicher Brief war mir lieber als alle Festlichkeiten,
welche sogar schädlich auf die Gesundheit und die Arbeitskraft wirken.""
Rücksichtlich des Aufenthaltes Luther's in Berlin ist auch noch daran
zu erinnern, dass derselbe mit dem Aufenthalte und den gleichzeitigen Studien
und Arbeiten seiner Altersgenossen Brünnow und d'Arrest an der Berliner Sternwarte
zusammenfiel, sowie auch mit dem Aufenthalte von Eduard Vogel daselbst (1850-51),
der dann nach England ging und kurze Zeit nachher in so trauriger Weise seinen
Tod in Afrika gefunden hat. Brünnow folgte bekanntlich 1847 einem Ruf nach
Düsseldorf und wurde dort Luther's Vorgänger, während d'Arrest 1848 als Observator
bei der Sternwarte in Leipzig eintrat. Ferner war in Berlin in eben jener
Zeit auch Bremiker für die Fertigstellung mehrerer bis dahin unvollendet gebliebener
akademischer Sternkarten thätig.
Von besonderer Bedeutung aber erscheint es für Luther's eigenes späteres
Wirken, dass in seine Berliner Studienzeit der Beginn der neuen Entdeckungen
auf dem Gebiete der Asteroiden-Gruppe fiel mit der Entdeckung der Asträa durch
Hencke, welche Entdeckung damals mit einem Aufsehen und einer Erregung verbunden
war, von welchen bei den so zahlreichen späteren Entdeckungen auf diesem
Gebiete kaum noch eine Erinnerung geblieben ist. . . ."
Zu dieser letzteren Bemerkung Galle's kann ich aus eigener Erfahrung
hinzufügen, dass die impulsive Wirkung, welche die Erfolge auf dem Gebiete
der Entdeckung kleiner Planeten anfänglich auf das hochgespannte allgemeine
Interesse ausübten, über welches ich wiederholt Notizen in den Fachzeitschriften
jener Zeit begegnet bin, sehr bald erlahmte. Und als erst die Entdeckungen
ein Tempo annahmen, bei dem den Fachleuten im Hinblick auf das Anwachsen der
beobachtenden und rechnerischen Arbeit, welche das Festhalten dieser Himmelskörper
erfordert, der Muth auszugehen anfing, da machte der anfängliche Reiz der
Neuheit einer allgemeineren Gleichgültigkeit Platz, ja es fehlte nicht an
mitleidigem Lächeln, welches dieser überflüssigen Beschäftigung entgegengebracht
wurde. Ob mit Recht? Darauf lässt sich Mancherlei erwidern. Hier nur Einiges.
Vor allen Dingen, wo kann mit Sicherheit in der Wissenschaft die Grenze
zwischen Wichtigem und Unwichtigem gezogen werden ? Dass dies nicht so leicht
ist, offenbart sich darin, dass die Forschung hier unbeirrt von Voreingenommen-
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heilen an dieser Frage vorbeigeht. Und in der That ist der indirecte Nutzen
nicht gering anzuschlagen, wenn der Ausbau der allgemeinen Theorie der Bewegungen
im Weltenraum durch die kleinen Planeten fortwährend neue Nahrung erhält.
Hervorragende Theoretiker haben bis in die jüngste Zeit die Wege angegeben,
das titanenhaft anwachsende Beobachtungs-material mit geringerem Aufwand von
Zeit und Kraft zu bewältigen. In derselben Richtung hat die Feintechnik gearbeitet;
sie hat an der Hand der Anweisungen von beobachtenden Astronomen und in Verbindung
mit der Himmelsphotographie die instrumentalen Vervollkommnungen zu Massenbeobachtungen
geliefert, und solche instrumentale Einrichtungen fanden vielfach Anwendung
auch in anderen Wissensgebieten.
Aber auch abgesehen vom indirecten Nutzen weiss ja der Fachmann
von heute, dass die kleinen Planeten zur directeren Lösung astronomischer
Probleme auch schon beigetragen haben, wie beispielsweise zur Bestimmung
der Sonnenparallaxe, und dass sie voraussichtlich noch öfters solchen
Zwecken dienen werden. Und ist es nicht das Einfachste, Zweifeln
und Grübeleien obiger Art über die Nützlichkeit der Beschäftigung mit kleinen
Planeten durch den Hinweis auf die Erweiterung unseres Einblicks
in die Kosmogonie durch die viel kleineren Himmelskörper, die Sternschnuppen,
zu begegnen?
Was nun Luther's obenerwähnte Eigenart betrifft, sich als Mann der Wissenschaft
von dem Weltgetriebe zurückzuziehen, so möchte ich nach meinen Erfahrungen
glauben, dass diese Denkungsart auch heute noch von Vielen als die richtige
angesehen wird, und die sich immer mehr bahnbrechende gegenteilige Ansicht
erst ein Product der neueren Zeit ist. Mag man nun auch entgegen Luther's
Ansicht es für besser erachten, als Mann der Wissenschaft die Zurückgezogenheit
zu meiden und mehr an die Oeffentlichkeit zu treten, um sein Denken und Schaffen
an ihr abzuklären, mag es selbst für die specieller betriebene Sache förderlicher
sein, entgegen der ebenfalls von Vielen hochgehaltenen Ansicht der ausschliesslichen
Beschäftigung mit nur einem Wissenszweige, seinen Blick auch auf andere Gebiete
auszudehnen, der Wissenschaft kann Jeder in seiner Weise Nutzen bringen, wofür
Luther's Schaffen einen Beleg liefert.
Nach brieflicher Mittheilung seines Sohnes hätte Luther's Mutter es gerne
gehabt, wenn er Theologe, sein Vormund, wenn er Kaufmann, sein Oheim, dass
er Jurist, sein Gym-nasialdirector, dass er Philologe geworden wäre. Luther
hat in selbständiger Würdigung seiner selbst sich auf dasjenige
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Gebiet begeben, welches er zur Verwerthung seiner Kräfte für das angemessenste
hielt, und kann in der Treue und Ausdauer, mit welcher er auf dem selbsterwählten
Wege Steine zum grossen Bau der Erkenntniss herbeischaffen half, und in der
liebenswürdigen Art, in welcher er bei Anderen, mit denen er in brieflichem
Verkehr stand, den Eifer für die kleinen Planeten rege zu halten wusste, als
Vorbild dienen.
V. Knorre.