aus: Vierteljahrsschr. d. Astronom. Gesellschaft. 35. (1900)

Nekrolog.
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Carl,Theodor Robert Luther

    giebt in einer geschichtlichen Abhandlung über die Düsseldorfer Sternwarte, welche er auf Veranlassung der städtischen Verwaltung gelegentlich der Naturforscherversammlung in Düsseldorf i. J. 1898 verfasste, eine Selbstbiographie, welche ich zunächst im Wortlaute wiedergebe, da diese Abhandlung nur in wenigen Exemplaren vorhanden, daher auch nicht allen Astronomen zugänglich ist. Er berichtet daselbst:

"Als Brünnow im November 1851 (zur Uebernahme der Stelle eines ersten Observators au der Königlichen Sternwarte) in Berlin eintraf, überbrachte er gleichzeitig dem von mehreren Seiten empfohlenen zweiten Berliner Observator Carl Theodor Robert Luther seine Ernennung zum Astronomen der von Benzenberg gestifteten und seitdem bereits verbesserten städtischen Sternwarte "Charlottenruhe" in Bilk-Düsseldorf, welcher derselbe im December 1851 folgte. Sein Vater F. H. A. August Luther, dessen einzig lebender Sohn er war, war am 2. November 1790 zu Schönebeck geboren, hatte nach absolvirtem juristischem Examen beim Königlichen Gericht in Berlin 1813 gearbeitet, dann im 3. ostpreussischen Infanterie-Regiment, nachher im 2. westfälischen Landwehr-Regiment den Krieg 1813-15 mitgemacht, das eiserne Kreuz und den Offiziersrang erworben und im Juni 1815 beim Angriff auf Saint-Amand den rechten Arm verloren. Am 22. Februar 1816 als Hauptmann ehrenvoll entlassen, bekam er vom i. Januar 1817 an eine Civilversorgung in Schweidnitz, verheirathete sich im October 1818 mit A. M. Wilhelmine von Ende aus Essen, die er während des Krieges in Werden kennen gelernt hatte, und verwaltete trotz seiner schweren Verwundung sein anstrengendes Amt 6 Jahre lang, indem er mit dem linken Arm schrieb, rechnete und Sonstiges besorgte, bis er wegen schwerer Erkrankung am 13. August 1823 mit 500 Thalern Jahresgehalt pensionirt wurde, und

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starb nach schweren langen Leiden am  10. März  1844 zu Schweidnitz.
    Während dieses 21 jährigen schweren Leidens sorgte seine opfermuthige Frau, welche am 12. Juli 1853 zu Bilk starb, zuerst fast allein für die Erziehung des am 16. April 1822 zu Schweidnitz geborenen Sohnes Carl Theodor Robert Luther, für welchen später viele Jahre lang auch ihr am 5. November 1876 gestorbener Schwager, der Geheime Justizrath Wilhelm Luther, wahrhaft väterlich gesorgt hat.
    Robert Luther besuchte nach vorausgegangenem Privatunterricht das Gymnasium zu Schweidnitz von 1831 -1841, dann nach bestandenem Abiturientenexamen die nahe Universität Breslau, wo er u. a. die Vorlesungen von Scholz, von Boguslawski, Koch und Kummer hörte, und im Herbst 1843 die Universität Berlin. Obgleich am 10. März 1844 sein Vater gestorben war, studirte er doch weiter in Berlin, ähnlich wie Brünnow unter Encke, Dove und den berühmten Mathematikern, betheiligte sich an den Vorausberechnungen für die Berliner astronomischen Jahrbücher für 1849 etc., berechnete aufs neue mit zehnstelligen Logarithmen Bar-ker's Tafel für die parabolische wahre und mittlere Bewegung der Kometen, deren 6480 Werthe auf Seite 87 bis 146 der neuen Encke'schen Ausgabe von Olbers' Methode, eine Kometenbahn zu berechnen, Weimar 1847, abgedruckt sind, durfte seit 1847 an den Berliner Beobachtungen theilnehmen, hatte nach Ablehnung einer Leipziger Anstellung seit 1848 Encke's Meridiankreis-Beobachtungen zu reduciren und seit 1850 als zweiter Beobachter die bis dahin von Galle angestellten Beobachtungen am beleuchteten Fadenmikrometer des l3'/2 füssigen Refractors von 9 Zoll Oeffnung fortzusetzen und zu reduciren. Nachdem er, einem idealen wissenschaftlichen Drange folgend, es im December 1851 gewagt hatte, an Brünnow's Stelle nach Düsseldorf zu gehen, stand ihm hier bis 1877 nur ein sechsfüssiger Refractor mit Kreismikrometer zur Verfügung. Auf Argelander's und Hülsmann's Rath übte er sich bald auf Kreismikrometer-Beobachtungen ein, machte besonders Ortsbestimmungen von Planeten, welche für die Bahnberechnungen und Bahnverbesserungen der Planeten gebraucht werden, und kam dadurch in regen Verkehr mit der Bonner, Berliner, Hamburger, Wiener und anderen Sternwarten, auch des Auslands.
    Da die kleineren Planeten sich nur durch ihre Bewegung von den Fixsternen unterscheiden lassen, kam es zunächst darauf an, die Himmelskarten möglichst zu vervollständigen, zu verbessern und oft mit dem Himmel zu vergleichen.

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    Nachdem sogar Gebildete es bezweifelt hatten, ob die kleine Düsseldorfer Sternwarte neben den grossen Staatssternwarten der Wissenschaft einigen Nutzen bringen werde, lieferte er durch die Meldung seiner ersten Planeten-Entdeckung vom 17. April 1852, des 17. der kleinen Planeten "Thetis", welchen Namen Argelander auswählte, den that-sächlichen Beweis, welcher auch Herrn Oberbürgermeister Hammers, dem Curatoriura und dem Gemeinderath so willkommen war, dass die Düsseldorfer Herren es sich nicht nehmen Hessen, die erste Düsseldorfer Planeten-Entdeckung, der später noch weitere folgten, durch ein Festessen im Rittersaale der städtischen Tonhalle zu feiern, dem auch Argelander beiwohnte und bei dieser Gelegenheit u. a. dem Andenken Benzenberg's anerkennende Worte widmete.
    R. Luther wurde dadurch ermuthigt, in bisheriger Weise hier weiter zu arbeiten, eine ihm angebotene Stellung in Olmütz dankend abzulehnen und auch die sich ihm 1854 darbietende Gelegenheit, bei Brünnow's Abgang von Berlin nach Ann-Arbor in dessen Berliner Stellung des ersten Observators einzurücken, unbenutzt vorüber gehen zu lassen.
    Auf Veranlassung von Arago, Elie de Beaumont und Leverrier erhielt er für verschiedene Planeten-Entdeckungen in den Jahren 1852 - 1861 siebenmal den Lalande'schen astronomischen Preis; die Priorität, welche ihm für 3 Planeten-Entdeckungen entgangen war, blieb ihm für 24, nämlich für 20 am Sechsfüsser und 4 am Siebenfüsser gelungene Planeten-Entdeckungen.
    Am 10. November 1854 erwählte ihn die Royal Astrono-micai Society in London zu ihrem Associate. Am 24. April 1855, nach der vierten Entdeckung, erhöhte der Düsseldorfer Gemeinderath sein Gehalt, welches für Brünnow und ihn 8 Jahre lang nur 200 Thaler jährlich betragen und nicht ausgereicht hatte, und nach seiner Verheirathung nochmals vom Jahre 1860 an. Vom l. Mai 1861 an bewilligte auch der Staat einen gleichen Zuschuss wie die Stadt, der nach je 5 Jahren prolongirt oder erhöht wurde. Am 9. Mai 1855 wurde er von der philosophischen Facultät der K. Friedrich-WTilhelms-Universität in Bonn auf Grund seiner Berechnungen und Entdeckungen zum Dr. philo-sophiae honoris causa promovirt. Alexander von Humboldt sprach sich 1855 recht anerkennend über die Düsseldorfer Sternwarte aus. Im December 1855 verlieh Se. Majestät König Friedrich Wilhelm IV. dem Dr. Robert Luther den Rothen Adlerorden IV., im Frühjahr 1863 Se. Majestät König Wilhelm I. den Rothen Adlerorden III. Klasse mit
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der Schleife. In den Jahren 1854-1857 bearbeitete R. Luther für die Berliner K. Akademie der Wissenschaften die 4302 Sterne enthaltende akademische Sternkarte 0 Uhr nebst Katalog, welche Arbeit Encke und Dove im Namen der Commission für die akademischen Sternkarten in einem Schreiben vom 26. Juli 1858 lobend anerkannten.
    Nach den Düsseldorfer Berechnungen fand H. Goldschmidt seinen Planeten vom 9. September 1857, der einige Zeit Pseudo-Daphne hiess, am 27. August 1861 wieder auf; seitdem heisst er 56 Melete. Am 12. Januar 1863 kam Encke's Berliner astronomisches Jahrbuch für 1865 an, worin auf Seite 493 und 494 lobend anerkannt ist, dass Dr. R. Luther die seit 4 und 6 Jahren auf keiner Sternwarte beobachteten Planeten 53 Kalypso und 41 Daphne 1862 wieder aufgefunden und beobachtet habe. Am 7. April 1859 verheirathete sich Dr. R. Luther mit Fräulein Caroline Mäfcker, der zweiten Tochter des Königl. Kanzleiraths Alexander Märcker in Solingen, die, am 12. Januar 1823 zu Essen geboren, ihm seit 1842 bekannt war und nun seit 1859 treulich zur Seite steht.
    1863 wurde er Mitglied der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur zu Breslau, sowie der 1863 zu Heidelberg gegründeten Astronomischen Gesellschaft, 1864 der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn, 1868 der Societe Imperiale des Sciences naturelles de Cherbourg und am 13. März 1882 Mitglied der ehrwürdigen Kaiserlichen Leopoldino-Karolinischen deutschen Akademie der Naturforscher in Halle, deren Wahlspruch ist: "Nunquam otiosus".
    R. Luther hat während seiner hiesigen Amtsführung bis jetzt nur 4 mal Urlaub genommen. Arn 4. März 1886 wurde ihm durch Se. Majestät Kaiser und König Wilhelm I. das Prädicat "Professor" und am 26. Juli 1897 durch Patent Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. der Titel "Geheimer Regierungsrath" Allergnädigst verliehen.
    R. Luther's Berechnungen für die Berliner astronomischen Jahrbücher 1849 und folgende bezogen sich zuerst auf ältere Planeten, den Mond und die Fundamentalsterne nach den Tafeln, später aber hauptsächlich auf die Berechnung und Verfeinerung der Bahnen, Störungen und Ephemeriden der 5 Planeten
    6 Hebe von  1847-1899
    11 Parthenope von  1850 - 1899
    56 Melete von  1857 - 1899,

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    61 Danae von  1861-1899,   dem   er auf Goldschmidt's
      Wunsch den Namen gegeben hatte,
    288 Glauke   von    1890-1899,    des    letzten    und   licht-
       schwächsten der 24 Düsseldorfer Planeten.
    Seine anderen Berechnungen, Beobachtungen und Entdeckungen stehen im 21. und folgenden Bänden der Astronomischen Nachrichten."
    Soweit die Selbstbiographie. Es geht aus derselben hervor, dass Luther sich die Sorge um die kleinen Planeten zur ganz speciellen Aufgabe gemacht hatte; er ist dieser Aufgabe bis an das Ende seines Lebens treu geblieben*). Die folgenden 24 Planeten sind diejenigen, für welche ihm die Priorität der Entdeckung verblieb:

Nr    Planet    entdeckt

17    Thetis           1852    April  17.
26    Proserpina    1853    Mai 5.
28    Bellona         1854    März  1.
35    Leukothea    1855    April  19.
37    Eides            1855    Oct. 5.
47    Aglaja           1857    Sept.  15.
53    Kalypso        I858    April 4.
57    Mnemosyne   1859    Sept. 22.
58    Concordia    1860    März  24.
68    Leto            1861        April  29.
71    Niobe        1861    Aug.  13.
78    Diana        1863    März  15.
82    Alkmene    1864    Nov. 27.
84    Klio    1865    Aug. 25.
90    Antiope    1866    Oct. 1.
95    Arethusa    1867    Nov. 23.
108    Hecuba    1869    April 2.
113    Amalthea    1871    März 12.
118    Peitho    1872    März  15.
134    Sophrosyne    1873    Sept. 27.
241    Germania    1884    Sept.  12.
247    Eukrate    1885    März 14.
258    Tyche    1886    Mai 4.
288    Glauke    1890    Febr. 20.

 *) Seine letzten Rechnungsresultate, Elemente und Ephemeriden für das Jahr 1901 werden im Berliner Jahrbuch für 1903 veröffentlicht werden.

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    Im Mai 1892 ging der schon seit Mitte der 80 er Jahre gehegte Wunsch, seinen Sohn Wilhelm als Adjuncten um sich zu haben, in Erfüllung. Dieser hatte nach absolvirtem Abi-turientenexamen im Jahre 1879 mit Erfolg Astronomie an den Sternwarten Bonn. Berlin und Leipzig studirt und sich, gleich seinem Vater, specieller mit Berechnungen und Beobachtungen kleiner Planeten beschäftigt. Am 12. Juni 1883 bestand er in Leipzig das Doctorexamen, arbeitete hierauf zunächst freiwillig an der Düsseldorfer Sternwarte, versah alsdann den Dienst als angestellter Astronom der Reihe nach an den Sternwarten in Bonn und Hamburg und übernahm schliess-lich 1892 die Adjunctenstelle in Düsseldorf bei seinem Vater. Dieser übertrug seitdem seinem Sohn die Refractorbeobach-tungen und concentrirte seine Thätigkeit neben den regel-mässigen Zeitbestimmungen auf die Berechnung der Bahnen der kleinen Planeten. Der Grund zur Einschränkung der beobachtenden Thätigkeit war zufolge einer brieflichen Mittheilung seines Sohnes nicht Augenschwäche, wie irrthümlich in dem Nekrolog der Astronomischen Nachrichten Bd. 152 Seite 31 angegeben ist - er trug nie eine Brille und hat noch am 8. Februar 1900 den Zeitstern " Arietis am Passageninstrument beobachtet -, sondern das Nachlassen seines Gehörs, sodass das Horchen auf das Ticken der Uhr seine Nerven übermässig anstrengte. Dann aber strengte das nächtliche Beobachten seine Nerven überhaupt sehr an, und das Leiternklettern in der engen Kuppel war für seinen Körper und speciell für seinen FUSS zu anstrengend, da er etwa 30 Jahre vor seinem Tode durch einen Holzsplitter sich eine Verletzung seiner Nagelwurzel zugezogen hatte. Infolge dessen hat er seitdem fast jedes Jahr etwa eine Woche lang, wenn der Nagel sich wieder ablöste, das Zimmer hüten müssen. Seine Frau kann sich aber nicht besinnen, dass er während der ganzen Zeit seit der Verheirathung gezwungen gewesen wäre, einen ganzen Tag zu Bette zu liegen. Er war noch im Januar 1900 so rüstig, dass die Seinen nicht im entferntesten an sein nahes Ende gedacht hätten. Seit dem 23. Januar war er wegen seines Fusses nicht ausgegangen. Der Mangel der frischen Luft und Bewegung mag ihm geschadet haben. Am n. Februar 1900 wurde er unwohl. Die nächsten Tage war er merklich kraftloser als sonst, seine Hand zitterte stark. Es war ein Schwächezustand eingetreten, der ihn aber nicht an das Bett fesselte. Er hat noch am 14. Februar an eine Verwandte und an Professor Neugebauer geschrieben, sagte Abends, man müsse den Muth nicht verlieren und er glaube, eine leise Besserung zu verspüren. Seine Bewegungen schienen auch wieder etwas kraftvoller, aber am nächsten

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Morgen rührte ihn beim Ankleiden der Schlag, und der herbeigerufene Arzt constatirte den Tod.
    Luther gehörte zu denjenigen Naturen, die ein stilles, rastlos thätiges Leben im engsten Kreise dem Vortreten an die grosse Oeffentlichkeit vorziehen. Charakteristisch ist Manches, was in dieser Beziehung sein Zeitgenosse an der Königlichen Sternwarte zu Berlin, der damalige erste Observator, nachmalige Director der Breslauer Sternwarte und jetzt im hohen Alter in Potsdam lebende Geheimrath Galle brieflich mittheilt; er schreibt:
    "Luther's freundlich-bescheidenes Wesen und sein Interesse für die vorkommenden astronomischen Arbeiten und Ereignisse war mir stets ansprechend. Von den 88 Briefen, welche ich von demselben in den 52 Jahren 1848 bis 1899 erhalten habe, sind es nur wenige, die in das erste Jahrzehnt dieses Zeitraumes fallen; später wurde die Correspondenz häufiger, als einige meiner Assistenten, wie Dr. Günther und Dr. Neugebauer begonnen hatten, an den Arbeiten für die kleinen Planeten theilzunehmen, die ja bekanntlich Luther's astronomische Interessen so ausschliess-lich in Anspruch nahmen, und auf welchem Gebiete er sich ja durch seine Entdeckungen, Beobachtungen und Rechnungen eine so hervorragende Stelle bei der Förderung der Astronomie in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts erworben hat.
    Persönlich habe ich Luther nach dem gemeinschaftlichen Aufenthalte in Berlin von 1843-51, wo er dann nach Düsseldorf und ich nach Breslau kam, nur noch zweimal wiedergesehen. Es war dies einmal im Jahre 1856, in welchem er noch einmal nach seiner schlesischen Hei-, math kam und mich in Breslau mit besuchte, sodann n Jahre später, 1867 in Düsseldorf, wo ich auf einer grösseren Reise nach verschiedenen Sternwarten begriffen, an der damals in Bonn tagenden Astronomenversammlung mit theilnahm. Sonst hat Luther in der ganzen Zeit seiner Düsseldorfer Wirksamkeit nur sehr wenige Reisen unternommen. Jeder grössere gesellige Verkehr war seiner Natur wenig zusagend. So schreibt er noch unter dem 13. Dece.mber 1876 (wo er 25 Jahre in Düsseldorf war) in einem an mich gerichteten Briefe]:
    ""Da ich auch nicht im entferntesten geräuschvolle Festlichkeiten liebe, wie sie mir nach der Entdeckung der Thetis hier dargebracht wurden, so habe ich über mein 25 jähriges Hiersein ein ganz strenges Stillschweigen beobachtet und eine früher darauf bezügliche Anfrage aus-

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weichend beantwortet. Ein freundlicher Brief war mir lieber als alle Festlichkeiten, welche sogar schädlich auf die Gesundheit und die Arbeitskraft wirken.""
    Rücksichtlich des Aufenthaltes Luther's in Berlin ist auch noch daran zu erinnern, dass derselbe mit dem Aufenthalte und den gleichzeitigen Studien und Arbeiten seiner Altersgenossen Brünnow und d'Arrest an der Berliner Sternwarte zusammenfiel, sowie auch mit dem Aufenthalte von Eduard Vogel daselbst (1850-51), der dann nach England ging und kurze Zeit nachher in so trauriger Weise seinen Tod in Afrika gefunden hat. Brünnow folgte bekanntlich 1847 einem Ruf nach Düsseldorf und wurde dort Luther's Vorgänger, während d'Arrest 1848 als Observator bei der Sternwarte in Leipzig eintrat. Ferner war in Berlin in eben jener Zeit auch Bremiker für die Fertigstellung mehrerer bis dahin unvollendet gebliebener akademischer Sternkarten thätig.
    Von besonderer Bedeutung aber erscheint es für Luther's eigenes späteres Wirken, dass in seine Berliner Studienzeit der Beginn der neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Asteroiden-Gruppe fiel mit der Entdeckung der Asträa durch Hencke, welche Entdeckung damals mit einem Aufsehen und einer Erregung verbunden war, von welchen bei den so zahlreichen späteren Entdeckungen auf diesem Gebiete kaum noch eine Erinnerung geblieben ist. . . ."
    Zu dieser letzteren Bemerkung Galle's kann ich aus eigener Erfahrung hinzufügen, dass die impulsive Wirkung, welche die Erfolge auf dem Gebiete der Entdeckung kleiner Planeten anfänglich auf das hochgespannte allgemeine Interesse ausübten, über welches ich wiederholt Notizen in den Fachzeitschriften jener Zeit begegnet bin, sehr bald erlahmte. Und als erst die Entdeckungen ein Tempo annahmen, bei dem den Fachleuten im Hinblick auf das Anwachsen der beobachtenden und rechnerischen Arbeit, welche das Festhalten dieser Himmelskörper erfordert, der Muth auszugehen anfing, da machte der anfängliche Reiz der Neuheit einer allgemeineren Gleichgültigkeit Platz, ja es fehlte nicht an mitleidigem Lächeln, welches dieser überflüssigen Beschäftigung entgegengebracht wurde. Ob mit Recht? Darauf lässt sich Mancherlei erwidern. Hier nur Einiges.
    Vor allen Dingen, wo kann mit Sicherheit in der Wissenschaft die Grenze zwischen Wichtigem und Unwichtigem gezogen werden ? Dass dies nicht so leicht ist, offenbart sich darin, dass die Forschung hier unbeirrt von Voreingenommen-

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heilen an dieser Frage vorbeigeht. Und in der That ist der indirecte Nutzen nicht gering anzuschlagen, wenn der Ausbau der allgemeinen Theorie der Bewegungen im Weltenraum durch die kleinen Planeten fortwährend neue Nahrung erhält. Hervorragende Theoretiker haben bis in die jüngste Zeit die Wege angegeben, das titanenhaft anwachsende Beobachtungs-material mit geringerem Aufwand von Zeit und Kraft zu bewältigen. In derselben Richtung hat die Feintechnik gearbeitet; sie hat an der Hand der Anweisungen von beobachtenden Astronomen und in Verbindung mit der Himmelsphotographie die instrumentalen Vervollkommnungen zu Massenbeobachtungen geliefert, und solche instrumentale Einrichtungen fanden vielfach Anwendung auch in anderen Wissensgebieten.
    Aber auch abgesehen vom   indirecten Nutzen   weiss   ja der   Fachmann   von   heute,   dass   die   kleinen Planeten   zur directeren Lösung astronomischer Probleme   auch schon beigetragen haben, wie beispielsweise zur Bestimmung der Sonnenparallaxe,   und  dass sie voraussichtlich  noch   öfters   solchen Zwecken dienen werden.    Und ist   es   nicht   das Einfachste, Zweifeln und Grübeleien obiger Art über die Nützlichkeit der Beschäftigung  mit kleinen Planeten   durch   den Hinweis   auf  die Erweiterung unseres Einblicks   in   die Kosmogonie durch die viel kleineren Himmelskörper, die Sternschnuppen,  zu begegnen?
    Was nun Luther's obenerwähnte Eigenart betrifft, sich als Mann der Wissenschaft von dem Weltgetriebe zurückzuziehen, so möchte ich nach meinen Erfahrungen glauben, dass diese Denkungsart auch heute noch von Vielen als die richtige angesehen wird, und die sich immer mehr bahnbrechende gegenteilige Ansicht erst ein Product der neueren Zeit ist. Mag man nun auch entgegen Luther's Ansicht es für besser erachten, als Mann der Wissenschaft die Zurückgezogenheit zu meiden und mehr an die Oeffentlichkeit zu treten, um sein Denken und Schaffen an ihr abzuklären, mag es selbst für die specieller betriebene Sache förderlicher sein, entgegen der ebenfalls von Vielen hochgehaltenen Ansicht der ausschliesslichen Beschäftigung mit nur einem Wissenszweige, seinen Blick auch auf andere Gebiete auszudehnen, der Wissenschaft kann Jeder in seiner Weise Nutzen bringen, wofür Luther's Schaffen einen Beleg liefert.
Nach brieflicher Mittheilung seines Sohnes hätte Luther's Mutter es gerne gehabt, wenn er Theologe, sein Vormund, wenn er Kaufmann, sein Oheim, dass er Jurist, sein Gym-nasialdirector, dass er Philologe geworden wäre. Luther hat in selbständiger Würdigung seiner selbst sich auf dasjenige

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Gebiet begeben, welches er zur Verwerthung seiner Kräfte für das angemessenste hielt, und kann in der Treue und Ausdauer, mit welcher er auf dem selbsterwählten Wege Steine zum grossen Bau der Erkenntniss herbeischaffen half, und in der liebenswürdigen Art, in welcher er bei Anderen, mit denen er in brieflichem Verkehr stand, den Eifer für die kleinen Planeten rege zu halten wusste, als Vorbild dienen.
                                                                                                                                                                V. Knorre.